Netzwoche-Interview mit VSHN-Gründer und -CTO Aarno Aukia

„Wir machen für unsere Kunden das ‚Ops‘ von DevOps“

© Netzmedien / Marc Landis

VSHN aus Zürich hat dieses Jahr zwei grosse Kunden an Land gezogen: das australische Finanzministerium und Opendata.swiss, das Open-Data-Portal des Bundes. Wie das dem DevOps-Start-up gelang und wie es RZ-Diens­leistungen ohne Rechenzentrum anbieten kann, erklärt VSHN-Gründer und -CTO Aarno Aukia.

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Aarno Aukia, CTO, VSHN (© Netzmedien)

 

Was macht VSHN eigentlich genau?

Aarno Aukia: Wir haben VSHN vor vier Jahren gegründet, weil wir gesehen haben, dass sich der Hostingmarkt verändert und zwar insofern, dass sich Hardware und Softwaredienstleistungen im RZ voneinander entkoppeln. Die Hardware mit Servern, Netzwerk, Bandbreite, Rechenleistung, Storage etc. wird von Cloud- beziehungsweise RZ-Betreibern angeboten, und dann gibt es VSHN, die für die Kunden Betrieb, Überwachung, Skalierung und Back-ups von Software sicherstellt. Wir helfen also Softwareentwicklern, ihre Applikationen agil und 24/7 auf beliebiger In­frastruktur zu betreiben.

Warum ist das für Kunden interessant?

Beim Betrieb von Software aus einer Cloud war es bislang so, dass der Entwickler nicht nur entwickelte, sondern oft auch gleichzeitig noch für den Betrieb des Servers zuständig war und Support leisten musste, wenn der Server nicht mehr lief. Er war also quasi Architekt, Provider und Incident Manager in einer Person. Das sind drei Rollen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Bei VSHN helfen wir den Kunden, sich auf die Entwicklung zu konzentrieren, und automatisieren alles andere. Wir bieten ihnen Flexibilität, Skalierbarkeit und Einfachheit, wie sie sie von Cloud-Providern kennen, wenn es darum geht, Rechenleistung und Storage zu beziehen. Bei uns beziehen sie stattdessen das Software-Hosting, ohne dass wir ein eigenes Rechenzentrum haben. Und damit sind wir meines Wissens momentan die Einzigen in der Schweiz.

Was für Kunden möchten mit Ihnen zusammenarbeiten?

Das ist vom Kundenprofil abhängig. Einige Kunden haben etwa eine öffentliche Website und sind auf Skalierbarkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit angewiesen. Wir sind ISO-27001-zertifiziert und haben damit bewiesen, dass wir mit Daten sicher umgehen. Wir haben deshalb auch Kunden aus dem Gesundheitswesen und aus dem Finanzumfeld. Was alle unsere Kunden vereint: Sie wollen die Zeit minimieren von der Idee für ein Softwareprojekt bis dieses in Produktion geht beziehungsweise veröffentlicht wird. Diesen Zeitraum kann man nur minimieren, wenn man den ganzen Prozess durchautomatisiert. Und den Prozess kann man nur durchautomatisieren, wenn man ein Interesse daran hat, dass der Prozess stabil, robust und schnell ist. Und genau das ist unser Kerngeschäft. Wir machen für unsere Kunden das „Ops“ von DevOps.

Aber machen denn die IT-Abteilungen heutzutage nicht eh schon alle selbst DevOps?

Nein, das ist noch lange nicht so weit – und noch lange sind nicht alle so weit. In der Realität kämpfen viele IT-Abteilungen noch mit traditionellen IT-Modellen. Wer die Ops an uns auslagert, kann viel schneller als innerhalb eines traditionellen IT-Modells in Produktion gehen.

Wer sind Ihre Kunden?

Wir haben Kunden quer durch alle Branchen, von Retail über Banken und Versicherungen bis hin zur Gesundheitsbranche. Die Kunden vereint, dass es für sie geschäftskritisch ist, immer online zu sein. Ein grosser Schweizer Retailer etwa ist ein Kunde von uns. Er nutzt unsere Dienstleistungen, um die Performance seiner Website hochzufahren, wenn er seinen Aktions-Newsletter verschickt und schnell mal 2,5 Millionen User innert einer halben Stunde auf den Onlineshop zugreifen möchten. Dann muss die Website laufen. Und wir helfen ihnen dabei und zwar vollautomatisiert.

Vor Kurzem haben Sie das australische Finanzministerium als Kunde gewonnen. Wie kam es dazu, und welche Rolle spielt dabei Amazee.io?

Die australische Regierung machte eine Ausschreibung, weil sie für den Betrieb ihrer 180 Websites einen neuen Hoster suchten. Dazu muss man wissen, dass diese Websites mit GovCMS auf Drupal-Basis entwickelt wurden und es weltweit nur drei oder vier Hosting-Partner gibt, die alle nötigen Zertifizierungen und den entsprechenden Trackrecord haben, um solche Regierungswebsites zu betreiben. Einer dieser Hosting-Partner ist Amazee.io in Zürich. Sie erhielten zusammen mit der australischen Webagentur Salsa Digital im Februar den Zuschlag, die nächste Evolution des CMS aufzubauen, und VSHN wird die zugrunde liegende Openshift-Plattform betreiben, um einen reibungslosen und hochverfügbaren 24/7-Betrieb der Hosting-Plattform sicherzustellen. Und das Ganze läuft auf AWS.

Ein weiterer grosser Deal, den VSHN gewonnen hat, ist Opendata.swiss. Was bedeutet das für Sie?

Opendata.swiss ist das Portal der Schweizer Behörden für offene, das heisst frei verfügbare Daten. Das Portal ist ein integraler Teil der Open-Government-Data-Strategie Schweiz 2014-2018 des Schweizer Bundesrats und wir freuen uns natürlich sehr, dass wir mit unserem Angebot überzeugen konnten und die Ausschreibung gewonnen haben. Wir werden künftig sowohl den Servicebetrieb als auch den Support über den gesamten Leistungszeitraum der Linked Data Platform für Opendata.swiss sicherstellen und allfällige Beratungs- und Integrationsleistungen erbringen. Bund, Kantone, Gemeinden und weitere Organisationen mit einem staatlichen Auftrag, wie etwa SBB, veröffentlichen ihre offenen Daten auf Opendata.swiss. Das Portal vereint unterschiedlichste Datensätze wie beispielsweise die Gemeindegrenzen der Schweiz, Bevölkerungsstatistiken, aktuelle Wetterdaten, historische Dokumente oder ein Verzeichnis der Schweizer Literatur. Gemeinsam ist den Datensätzen, dass sie alle kostenlos he­runtergeladen und weiterverwendet werden können. Softwareseitig wird Stardog eingesetzt werden, eine Enterprise-Knowledge-Graph-Software. Betrieben wird Opendata.swiss bei Exoscale in Crissier.

Das sind beeindruckende Erfolge für ein Jungunternehmen. Was treibt Sie an? Sie haben ja schon einige Start-ups gegründet.

Ja, das stimmt. Das ist nicht meine erste Firma. Ich musste auch Lehrgeld zahlen, konnte aber schon viel Erfahrung sammeln. Mein erstes Informatikprojekt war in der 5. Klasse in der Primarschule, ein Netzwerk zusammenzulöten. Und später hatte ich parallel zum Gymnasium ein eigenes Unternehmen für Veranstaltungstechnik. Da lernte ich, mit Kunden umzugehen und auch mit Zeitdruck. Denn wenn am Freitagabend ein Konzert ist, öffnet der Konzertsaal um 21.00 Uhr, und die Gäste kommen herein, egal, ob wir mit allem fertig sind oder nicht. Nach dem Studium an der ETH musste ich mich dann auf etwas konzentrieren und entschied mich für die Informatik. Wir gründeten eine Firma, die sich auf RZ-Dienstleistungen spezialisierte, und merkten nach einigen Jahren, dass dieser Bereich ein Klotz am Bein ist. Und so konzentrierten wir uns auf den Bereich, in dem wir heute unterwegs sind.

Warum reizt es Sie so, Start-ups zu gründen?

Ich finde es einfach extrem vielseitig, in einem Start-up zu arbeiten. Ich habe grossen Spass daran, etwas Neues aufzubauen und schätze auch die Freiheit enorm, die das Unternehmertum mit sich bringt. Das kombiniert damit, dass ich all die coolen Menschen auswählen kann, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, ist einfach toll. Ich kann mir auch die Kunden aussuchen. Es gibt in der Schweiz so tolle Unternehmen, die einfach einen enormen Drive haben und mit Passion und Energie bei der Sache sind, dass es für mich eine Riesenmotivation ist, mit ihnen etwas Tolles auf die Beine zu stellen. Und auch die konstante Veränderung meiner Firma und meiner eigenen Aufgaben und Verantwortung finde ich sehr spannend. Es wird mir nie langweilig. In den vier Jahren mit VSHN hat sich mein Job schon mehrfach geändert. Ich bin ja Engineer. Meine Passion ist es, neue Probleme zu lösen. Und das kann ich hier jeden Tag. Auch wenn es immer mehr unternehmerische Probleme statt technische sind.

Wie finden Sie denn in Zeiten des oft zitierten Fachkräftemangels die gut ausgebildeten, coolen Leute, mit denen Sie zusammen­arbeiten möchten?

Wir haben den grossen Vorteil, dass wir eine Open-Source-Company sind. Es ist uns wichtig, transparent zu zeigen, was wir tun und wie wir das tun. Diese Open-Source-Philosophie hilft uns nicht nur im Kontakt mit möglichen Kunden, sondern auch beim Rekrutieren. Man kann in unsere Projekte reinschauen und die Leute sehen, dass wir cooles, spannendes Zeug machen. Das verursacht einen Sog, der die guten Leute und die guten Kunden anzieht.

Ist es schwierig für Sie, als Start-up in der Schweiz das Kapital zu finden, um schnell genug zu wachsen?

Nicht für uns. Wir haben uns entschieden, dass wir keinen Investor suchen, sondern den Aufbau von VSHN zur Produktfirma aus dem Projektgeschäft finanzieren. Als wir vor vier Jahren anfingen, haben wir 100 Prozent Betriebsprozessentwicklung, Customizing etc. für Kunden gemacht und 0 Prozent monatlich wiederkehrende Einnahmen aus Serviceprodukten generiert. Heute sind wir bei über 64 Prozent monatlich wiederkehrenden Serviceprodukteinnahmen angekommen und generieren nur noch 36 Prozent aus dem Projektgeschäft. Und das ist eine Entwicklung, die weitergeht. Wir sind für einen Investor vielleicht auch nicht so attraktiv, weil wir nicht die nächste Billion-Dollar-Company sind. Deshalb sind wir bis auf ein kleines Darlehen selbstfinanziert, das wir für die Sicherstellung der Löhne in den ersten 12 Monaten zur Verfügung hatten. Aber wir mussten dieses nicht einmal ausschöpfen, da wir schon nach 6 Monaten einen positiven Cashflow hatten.

Also gibt es keine Exit-Strategie?

Nein. Wir verfolgen eine langfristige Strategie. Die ganzen Services muss man einmal entwickeln und dann generieren sie monatlich wiederkehrende Erträge. Dieses Geschäftsmodell lohnt sich erst nach einigen Jahren. Wir sind nun seit 4 Jahren unterwegs und machen das mindestens noch 10 weitere Jahre und noch länger. Unser Ziel ist es, nachhaltiges Wachstum für unser Unternehmen zu generieren.

 

© Netzmedien / Marc Landis